Aufruf an Deutschland ! des Bevöllmächtigten des nationalen Hauptcomités in Krakau.

Im Namen des polnischen Volkes !

Durch Beschluss des Hauptcomités in Krakau wurde mir am 17. Februar d.J. der ehrenvolle Auftrag zu Theil: für unsere polnischen National-Angelegenheiten in Deutschland zu wirken, und erhielt ich demgemäss eine Vollmacht als Beglaubigung.
Die polnische Nation fühlt das Bedürfniss, Verbindungen mit den übrigen Nationen Europas anzuknüpfen, um die Billigung derselben für ihre Erhebung gegen die russische Barbarei zu erlangen.
Polen ist die Vormauer der Civilisation gegen die Tyrannei des Osten, die unter dem vergeblichen Ideale des Panslavismus drohend das Gleichgewicht Europas zu zerstören sucht. Ein freies Polen also ist für Deutschland keine Gefahr, sondern ein natürlicher Bundesgenosse gegen den wahren Feind Deutschlands und der Freiheit. Gelingt es Russland aber, das polnische Element zu vernichten, auszurotten: alsdann wird der Untergang Polens als Signal für die wahren Erweiterungsversuche des beutegierigen Czaren sein. Gedenken Sie des russischen Anspruches, dass der Weg von Petersburg nach Constantinopel über Wien führe; gedenken Sie ferner der offen ausgesprochenen Ansichten des Russenknechtes Wielopolski, der den Polen das Germanthum als den wahren Feind ihrer Nation vorzustellen suchte: und die Absichten Russlands, sein Hass gegen die polnische Nation, die alle Versuche, sie für die Sache Russlands zu gewinnen, entschieden zurückwies, wird Ihnen erklärlich sein.
Ich erlaube mir ein Manifest meines Vorwortes in einer Uebersetzung mitzutheilen, welche zwar in mangelhafter Form auftritt, aber keine Veränderung erleiden sollte, um nicht Abweichungen vom Originale hervorzurufen.

Krakau, den 17. März 1863

Von dem Hauptcomité an unseren Bevollmächtigten.

Schätzbarster Freund !
Ihre Bevollmächtigung, welche das Hauptcomité zu Krakau Ihnen erteilt hat, werden Sie alsogleich gebrauchen im Angesicht des edlen, hochsinnigen deutschen Volkes. - Sagen Sie im Namen der unterdrückten Polen, dass wir Freundschaft der Völker und besonders des benachbarten deutschen Volkes innigst wünschen und begehren. Wir bieten unsere brüderlichen Handschlag, den wir Euch darreichen ! Bedenket, dass der wahre Freund in der Noth erkannt und erprobt wird. Wenn Ihr unserem Bevollmächtigten Euere bereitwillige Hälfe leiht, wenn Ihr seinen und unsern Worten ein herzliches und rechtschaffenes Willkommen zuruft: deutsches Volke und uns wird sicherste und grösste Kraft gegen Tyrannei und Barbarei des Nordens für Europa geboren.
Gott helfe uns und segne den neuen Bund! - So weit das mir zugetheilte Manifest. -
Ich halte es ferner für meine Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, dass unsere Erhebung nicht so hoffnungslos ist, als sie von den meisten deutschen Zeitungen, von denen leider Viele aus vollständig russisch gesinnten Blättern schöpfen, dargestellt wird. Glauben Sie mir, so lange noch ein Pole die Sense schwingen kann, so lange ist Polen noch nicht verloren. Der Ruf des Vaterlandes führt täglich neue Streiter in die Reihen der Unsrigen, und nur der Mangel an Waffen verschuldet es, dass unser Aufstand nicht durch grossartigere Erfolge gekrönt wurde. Wäre uns nicht die Waffenzufuhr durch Preussen gänzlich abgeschnitten worden, wodurch uns ungeheure Summen verloren gegangen sind; wären also jene Waffen, die man dort confiscirt hat, in die Hände unserer unbewaffneten Brüder gelangt: so würden schon heute nicht mehr jene barbarischen Horden unsere Felder verwüsten, unsere Wohnsitze zerstören, die Weiber schänden und die Kinder ermorden. Heute können wir schon leider nicht mehr unsere Gelder, die mit der grössten Opferbereitwilligkeit aus allen Theilen Polens zusammenfliessen, allein auf den Ankauf von Waffen verwenden; wir haben ausser den kämpfenden Männern auch die Weiber und Kinder zu ernähren, die nach der Verbrennung ihrer Wohnsitze dem Blutbade entronnen sind oder vor den Würgern in die Wälder flüchten mussten.
Das ausgeführte Manifest möglichst zu verbreiten, halte ich für eine Hauptaufgabe meines Hierseins in Deutschland. Ich bitte deshalb, gütigst zu vermitteln: dass dieser Freundschafts- und Bundesantrag der Polen auch in anderen Gegenden Ihres Vaterlandes, überall da, wo man Sympathien für die Vorkämpfer der nationalen Freiheit hegt, - bekannt werde. - Da sich ebenso wie in allen andern politisch reifen Ländern Europas auch in einzelnen deutschen Städten Unterstützungscomités zu bilden beginnen, so habe ich ferner den Auftrag, denselben zur Seite zu stehen, damit derartige Zeichen einer wahren Völkerverbrüderung nicht in falsche Hände gerathen, was bei den jetzigen Verhältnissen sehr leicht möglich ist. Noch sind Wege offen, auf denen sicher alle Gaben an ihre Bestimmung gelangen werden und jede Gabe, die uns von deutschen Händen zukommt, wird uns an unsere Verpflichtungen für Deutschland erinnern.
Die f r e i e n Polen werden es verstehen, dem deutschen Nachbarvolke dankbar zu sein.
Sollten sich daher in Ihrer Mitte edeldenkende Menschen befinden, die es für angemessen halten, den Polen moralisch oder materielle Hilfe zukommen zu lassen und zu diesem Zwecke Hilfscomités bilden: so bitte ich, mich gütigst davon zu benachtichtigen, damit es mir möglich sei, persönlich die nöthigen Aufklärungen über die dortigen Verhältnisse zu geben und mit Rath und That zur Seite stehen zu können. Um möglichst schnelle Verbreitung dieser Zuschrift wird gebeten. Ich schliese mit dem Wahlspruche der polnischen Nationalregierung: Einheit - Freiheit - Unabhängigkei! Möge es Ihnen eine Garantie unserer liberalen Grundsätze sein.
W.H.
Bevollmächtigter des nationalen Hauptcomités in Krakau.


Vorstehende Zuschrift wurde mir von dem betreffenden Bevollmächtigen persönlich eingehändigt, und zwar unter Hinweis auf Männer, die mir die Echtheit seiner Person und Sendung darlegten. - Sie wurde mir eingehändigt zu dem Zweck: si in engern und weitern Kreisen zu verbreiten; eingehändigt mit dem dringenden Wunsche, erstens: dass sich dem Worte des Polens ein deutsches Wort hinzufügen, zweitens: dass sich ich mich anerbieten möge, da, wo man meinem Namen Zutrauen schenke, der Vermittler zwischen den Gebern und Theilnehmenden mit dem Bevollmächtigten Polens zu sein; wenigsten so lange, bis der Letztere direct mit ihnen verkehren könne. - Ich habe Beides übernommen und in dieser ernsten Pflicht sage ich den Lesern dieses Blattes das Folgende:
Kein Volk der neueren Weltgeschichte hat für seine eigenen Fehler und für die Verworfenheit seiner letzten Könige so schrecklich büssen müssen; keines wurde so tückisch und frech verrathen; keines so fürchterlich zu Boden geworfen, so grausam gemartert; als das Volk der Polen. Darum verdient es unser tiefstes Mitleid ! - Kein Volk der neueren Weltgeschichte hat für das heilige, für das unsterbliche Recht eines jeden Volkes: nationale Freiheit, so todesmuthig und aufopfernd, so grossartig und gewaltig gekämpft, als das Volk der Polen. Darum verdient es unsere Bewunderung ! - Kein Volk der Erde hat jemals so liebevoll uns die Hand gereicht; so grossherzig und bedeutsam zum besten, schönsten Theil in uns gesprochen, als jetzt das Volk der Polen zu uns spricht. Deshalb verdient es unsere Dankbarkeit ! Und das Volk der Polen will nicht Preussen und Oesterreich bedrohen; es will nur kämpfen gegen seinen alten Erb- und Erzfeind, gegen Russland. Es will die deutschen Grenzen achten und keinen Aufruhr über dieselben hinaustragen. Deshalb verdient es unser Vertrauen !
Das Volk der Polen will nur, was wir selbst wollen: nationale Freiheit und Selbständigkeit, und niemals werden die grossen Güter wir verdienen und gewinnen, wenn wir sie nicht jedem andern Volke, also auch dem Volke der Polen wünschen. Deshalb fordert es auf unsere Gerechtigkeit ! -
Das Volk der Polen will auch nur seiner eigenen Kraft die Freiheit verdanken, nicht der gefährlichen Gewalt fremdländischer Waffen. Das verdient unsere Ehrfurcht !
Wohl könnten auch noch manch praktische Gründe politischer und industrieller Klugheit angeführt werden, um den endlichen Sieg der polnischen Nation als wünschenswerth, so nothwendig erscheinen lassen. - Hier aber sollen nur die ewigen, rein menschlichen Gefühle bestimmen: Mitleid und Bewunderung, - Dankbarkeit und Vertrauen, Gerechtigkeit und Ehrfurcht !
Mögen diese Gefühle nun aber zu Thatsachen werden ! Zu solchen Thatsachen, wie der Bevollmächtigte Polens sie von Deutschland wünscht. - Keiner, Keiner der ein Herz für diese Wünsche hat, möge mit diesem Herzen zurückhalten! - Jeder möge eifrig danach wirken; entweder in Bildung von Local-Comités zu gemeinsamem Wirken an einem Orte oder auch nur in persönlichem Einsammeln bei seinen Gesinnungs-Genossen, und wenn er solche findet, auch nur im Einsenden seiner eigenen einzelnen Gabe. - Und auch die kleinste Gabe ist willkommen; willkommen als ein Gesinnungs- und Liebeszeichen! und jedes solcher Zeichen weckt einen Freudenruf im Herzen eines jeden Polen; ist ihm stärkender, ermuthigender Brudergruss der Freiheit und der Hoffnung. Und Keiner; Keiner möge sich ausschliessen! Dieser Zuruf gilt ebenso der Jugend wie dem Alter, dem Mann wie dem Weibe, dem Jüngling wie der Jungfrau; Allen, die Theil haben an dem grossen Menschheits-Eigenthum jener ewigen Gefühle.
Und jede einzelne oder Gesammtsendung wird genau verzeichnet und jeder Name eines Gebers wird ein geliebter Name bei dem Volke der Polen werden. - Wer aber innere und äussere Gründe hat, seinen Namen nicht zu nennen: der wähle bei seiner Sendung ein Zeichen und er wird dieses Zeichen wieder finden in dem Rechenschaftsbericht, den ich seiner Zeit mit den Bevollmächtigten Polens veröffentlichen werde.
Das ist es nun, was ich auf dessen Wunsch als Deutscher seinen Worten hinzuzufügen habe. Das ist es, wozu ich die Hand reiche. Ich thue dies hiermit öffentlich, nicht geheim; denn die Sache, für die ich spreche, ist eine gerechte, ist eine grosse Sache! - Möchte sie recht Vielen, Vielen es werden ! - Möchte für sie eine Bewegung beginnen und weiter schreiten, die uns in den Augen der Nationen Europas an moralischer Bedeutung gewinnen lässt, was uns leider in politischer noch so gänzlich mangelt; die den Nationen Europas zeigt; dass wir bereits verdienen, was wir uns erst erringen wollen. - Denke ein Jeder, dass er selbst diese Bewegung fördern kann, zum Glücke unserer polnischen Brüder, zur Ehre der deutschen Nation.
Arnold Schloenbach
in Coburg

Quelle : www.polona.pl/dlibra/doccontent2?id=1285&from=editionindex&from=-3search&dirids=1&lang=en