Wittstock und Umgebung

Das Städtchen inmitten der waldreichen Landschaft der Ostprignitz offenbart seine Schönheit nicht auf den ersten Blick :

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es zu einem bedeutenden Industriestandort ausgebaut, in dem vor allem Küchenmöbel und Textilien produziert wurden. Dem Tourismus hat man nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt - und auch jetzt ist man noch wenig darauf vorbereitet.

Wittstock wurde bereits um 1150 erstmals urkundlich erwähnt. Sein Name ist slawischen Ursprungs und wird mit "hochgelegener Ort" übersetzt. Auf den ersten Blick erscheint das merkwürdig, denn die Stadt erhebt sich nicht im geringsten über die Umgebung. Steht man aber vor der Burg, ist zu erkennen, daß sie auf einem winzigen Hügel gebaut wurde.

Diese Burg gab es schon im Jahre 1271, als die Bischöfe von Havelberg ihre Residenz nach Wittstock verlegten. Die Burg war ein Vorposten gegen die Slawen, die noch immer das Land jenseits der Dosse besiedelten. Sie diente den Bischöfen zugleich als Ausgangspunkt für territoriale Erweiterungen ihres Besitzes in Richtung Osten. Das Bistum war schon 946 von König Otto I. gegründet worden und bestand bis zur Reformation in der Mark Brandenburg im Jahre 1548.

Den Bischöfen, die zugleich Reichsfürsten waren, lag sehr daran, den weltlichen Fürsten in der Zurschaustellung von Macht und Reichtum in Nichts nachzustehen. Die nicht mehr vorhandene Burgkapelle war deshalb üppig ausgestattet, die Domkirche der Stadt, immer nur Marienkirche genannt, demonstriert Stärke durch wehrhafte Mauern. Die Bischöfe ließen die Stadt außerdem mit einer hohen Mauer umgeben und ihre Straßen pflastern; denn das unterschied eine Residenzstadt vom Dorf.

Im Dreißigjährigen Krieg war Wittstock im Jahre 1636 Schauplatz einer grausamen Schlacht, die durch die Beschreibung ihrer Greuel in Grimmelshausens "Simplicius Simplicissimus" in die Literaturgeschichte einging.

Am Scharfenberg vor den Toren der Stadt fand am 4. Oktober 1636 einer der blutigsten Kämpfe statt. 22.000 kaiserliche und sächsische Soldaten standen dem Herr von nur 16.000 Schweden gegenüber. Die Schlacht schien bereits gewonnen. Doch sie hatten die Rechnung ohne den genialen schwedischen Heerführer Johann Baner gemacht, der mit einer List den Kaiserlichen in den Rücken fiel. Das lange Zeit als uneinnehmbar geltenede Wittstock wurde geschlagen. 11.000 Landsknechte fielen im Kampf. Doch nicht nur das - die siegreichen Schweden schleppten die Pest in die wehrhafte Stadt.

In den zwei folgenden Jahren bis 1638 raffte die Pest, die von den Soldaten eingeschleppt worden war, mehr als drei Viertel der etwa 2.000 Wittstocker hinweg. Ein keineswegs kleineres Unglück widerfuhr der Stadt 1716 : Der Apotheker verursachte beim nächtlichen Schnapsbrennen einen Brand, dem über zwei Drittel aller Häuser der Stadt zum Opfer fielen. Danach erließen die Ratsherren strenge Brandschutzvorschriften, die zum Teil noch heute Niederschlag im Stadtbild finden. Bis dahin standen die meisten Häuser mit dem Giebel zur Straße, da Steuern nach der Länge eines Hauses zur Straßenseite hin festgesetzt wurden. Jetzt waren nur noch traufständige Häuser zulässig. Scheunen durften nur noch außerhalb der Stadtmauern gebaut werden. Trotzdem kam es auch später immer wieder zu Bränden, die erheblichen Schaden anrichteten: zwischen 1750 und 1810 allein dreißigmal.

In Wittstock beginnt man am besten mit einer Mauerumrundung. Das zweistündige Unternehmen wird am Gröpertor gestartet, dem einzigen Tor, das von dreien erhalten geblieben ist. Bei diesem gotischen Backsteinbau aus dem l4.Jahrhundert, dem 1503 ein Helmdach aufgesetzt wurde, machte man nur sparsam von den Ornamentmöglichkeiten der Backsteingotik Gebrauch; sein wesentliches Schmuckelement sind die weiß gekalkten Blenden auf der Stadtseite.

Geht man von hier aus entgegen dem Uhrzeigersinn um die Stadt herum, erkennt man deutlich, daß sie nicht nur durch einen, sondern durch zwei Wassergräben gesichert war. Die Stadtmauer erscheint heute recht niedrig. Der Eindruck täuscht, denn ursprünglich war sie sehr viel höher. Sie trägt heute eine Abdeckung aus Dachziegeln, um einen weiteren Verfall zu verhindern.

Die erste Hälfte der Mauerumrundung endet an der Burg mit dem noch gut erhaltenen Amtsturm. Der sechsgeschossige Bau war Torturm und Bergfried zugleich. In Höhe des zweiten und fünften Geschosses erkennt man noch die Rüstlöcher, in denen die hölzernen Wehrgänge verankert waren. Im Turm ist heute das Heimatmuseum untergebracht, durch das engagierte Wittstocker Bürger liebevoll führen. Besondere Aufmerksamkeit verdient das von einem Lehrer injahrelanger Arbeit gefertigte Modell der Stadt Wittstock, wie sie um 1500 ausgesehen hat.

Beim Weitergehen um die Stadtmauer präsentiert sich die Silhouette Wittstocks besonders fotogen. Ein Mauerdurchbruch markiert dann den Standort des Röbeler Tores. Geht man hier ein paar Schritte in die Altstadt hinein, steht man vor dem einzigen noch mit dem Giebel zur Straße hin ausgerichteten Fachwerkhaus der Stadt. Zwischen dem Röbeler Tor und dem Gröpertor ist die Stadtmauer weitgehend noch in ihrer ursprünglichen Höhe erhalten.

Vom Gröpertor führt die Gröperstraße in die Altstadt hinein. Auf dem weitläufigen Marktplatz, der seinem Namen jeden Dienstag und Donnerstag gerecht wird, erhebt sich der erst 1905 entstandene, aber durchaus mittelalterlich wirkende Backsteinbau des Rathauses. Die Gerichtslaube des Vorgängerbaus aus dem 14. Jahrhundert wurde geschickt mit einbezogen.

Nach wenigen Schritten erreicht man die Marienkirche. Die Portale dieser dreischiffigen Backstein- Hallenkirche sind reich ornamentiert; die bis dicht unter die barocke Turmhaube fensterlose Westfassade aus dem 13. Jahrhundert wirkt wehrhaft und ungewöhnlich massiv. In der Kirche steht ein aus zwei spätgotischen Flügelaltären zusammengesetzter Hochaltar, dessen unterer Teil um 1530 in einer Lübecker und dessen oberer Teil um 1510 in einer süddeutschen Werkstatt entstand. Auf dem Rückweg zum Gröpertor sollte man durch die Werder-, die Bader- und die Baustraße gehen: Diese deuten an, welch schmuckes Städtchen Wittstock durchaus einmal wieder werden kann.

Heiligengrabe
Ein gegen Ende des 13. Jahrhunderts aufsehenerregendes "Hostienwunder" hatte im heutigen Heiligengrabe unzählige Pilger angelockt. Ein Dieb hatte zuvor eine Hostie in der Sakristei gestohlen, zerbrochen und dann vergraben, woraufhin am Tatort Wunder geschehen seien.

1287 gründete man an dieser Stelle ein Zisterzienser-Nonnenkloster, das zum bedeutenden Wallfahrtsort wurde. Nach der Reformation wurde das Kloster evangelisches Damenstift, Mitte des 19. Jahrhunderts dann höhere Töchterschule.

Die Gebäude sind noch vollständig erhalten. In den Sommermonaten finden hier regelmäßig Konzerte statt. An der Nordseite der Stiftskirche befindet sich ein ansehnlicher Kreuzgang, dessen Kreuzrippengewölbe aus der Zeit um 1500 stammen. Westlich der Stiftskirche wurde 1512 die Heiliggrabkapelle (Blutkapelle) geweiht, ein einschiffiger Rechteckbau mit kunstvoll gegleidertem Staffelgiebel.

Karte Wittstock