Die Ausarbeitung und Annahme des Versailler Vertrags

Am 18. 1. 1919 trat in Paris die Friedenskonferenz zusammen, von der die besiegten Staaten ebenso ausgeschlossen waren wie das bolschewistische Russland. Der Schwerpunkt der Verhandlungen lag beim Rat der Vier (Wilson, D. Lloyd George, G. Clemenceau, V. Orlando). Wilson verfolgte vor allem das Ziel, mit der Bildung eines Völkerbundes ein Instrument kollektiver Friedenssicherung zu schaffen und damit eine dauerhafte Friedensordnung zu begründen. Clemenceaus Hauptanliegen waren die Sicherheit Frankreichs gegenüber einem wieder erstarkenden Deutschland (Streben nach der Rheingrenze, Bündnisse mit den neuen Staaten Polen und Tschechoslowakei), die Anerkennung der alleinigen Kriegsschuld Deutschlands und schadensorientierte Reparationen Deutschlands. Lloyd George, vor allem interessiert an der Ausschaltung der deutschen Konkurrenz auf dem Weltmarkt, suchte darüber hinaus im Sinne der britischen Gleichgewichtspolitik die Lebensfähigkeit Deutschlands zu erhalten, auch im Blick auf die vom bolschewistischen Russland ausgehenden Gefahren.

Am 7. 5. 1919 wurden die Friedensbedingungen der deutschen Delegation (Außenminister U. Graf Brockdorff-Rantzau) überreicht. Mündliche Verhandlungen wurden abgelehnt. In der Mantelnote vom 16. 6. wiesen die Alliierten und Assoziierten Mächte auch fast alle schriftlichen deutschen Gegenvorschläge zurück und stellten die deutsche "Alleinschuld" am Krieg in scharfer Form fest. Der ultimativen Aufforderung zur Unterzeichnung beugte sich die deutsche Nationalversammlung am 22. 6. 1919 (237 gegen 138 Stimmen, fünf Enthaltungen), nachdem die deutsche Reichsregierung unter P. Scheidemann zurückgetreten war. Am 28. 6. 1919 wurde der Vertrag im Spiegelsaal des Versailler Schlosses unterzeichnet (Außenminister H. Müller, Verkehrsminister J. Bell).

Der Inhalt des Vertrages

Wilsons Willen entsprechend wurde die Völkerbundssatzung als Teil I allen Pariser Friedensverträgen vorangestellt. Eine Revision des Versailler Vertrags war gemäß Â§ 19 der Satzung möglich. Deutschland blieb zunächst aus dem Völkerbund ausgeschlossen.

Die Gebietsverluste umfassten im Westen vor allem Elsass-Lothringen und Eupen-Malmedy; das Saargebiet wurde bei wirtschaftlicher Nutzung durch Frankreich für 15 Jahre unter die Verwaltung des Völkerbundes gestellt; danach sollte die Bevölkerung des Saargebietes in einer Volksabstimmung über ihre staatliche Zugehörigkeit entscheiden. Im Norden kam nach Volksabstimmung Nordschleswig zum größten Teil zu Dänemark. Im Osten fielen die Provinzen Posen und Westpreußen bis auf Restgebiete an Polen; Danzig wurde "Freie Stadt" unter der Hoheit des Völkerbundes. Das um das Memelgebiet verkleinerte Ostpreußen wurde damit durch den Polnischen Korridor vom übrigen Reichsgebiet getrennt. In Masuren, Oberschlesien und Nordschleswig sollten Volksabstimmungen durchgeführt werden. Der im November 1918 gebildeten Republik Deutschösterreich wurde der "Anschluss" an das Deutsche Reich verboten. Die deutschen Kolonien fielen als Mandatsgebiete an den Völkerbund.

Insgesamt verlor Deutschland rund 73.000 Quadratkilometer (13,5 %) seines Territoriums von 1914 sowie 6,5 Mio Einwohner.

Versailler Vertrag - Gebietsverluste Deutschlands


Elsaß-Lothringen an Frankreich :
1.874.000 Einwohner (alle nach 1870 zugewanderten Deutschen werden vertrieben)

Luxemburg schied aus dem deutschen Zollverein aus und verlor seinen neutralen Status

Moresnet und Eupen-Malmedy an Belgien :
60.000 Einwohner (nach sehr umstrittener Abstimmung : Starker Druck und Schikanen auf die Landbevölkerung (Enteignung und Ausweisung), Drohung des Entzugs der Lebensmittelkarten, die Abstimmungslokale haben werktags nur 5 und sonntags nur 3 Stunden geöffnet, stimmen nur 271 von 33.276 Stimmberechtigten (0,8 Prozent) für den Verbleib beim Deutschen Reich.)

Freie Stadt Danzig mit Weichselmündung
331.000 Einwohner unter Völkerbundverwaltung - mit besonderen Rechten für die polnische Minderheit (polnisches Zollgebiet)

Hultschiner Land an Tschechoslowakei :
48.000 Einwohner

Memelland (bis 1923 französisch besetzt) an Litauen :
141.000 Einwohner

Nordschleswig an Dänemark :
166.000 Einwohner (Abstimmung am 10.02.1920 - 25 % für Verbleib bei Deutschland)

Oberschlesien an Polen :
893.000 Einwohner (Abstimmung am 20.03.1921 - 60 % Prozent für Verbleib bei Deutschland - trotzdem im Oktober 1921 an Polen, Frankreich erzwang die Abtretung des Gebietes)

Posen und Westpreußen an Polen :
2.938.000 Einwohner

Saargebiet
15 Jahre unter Völkerbundverwaltung mit französischer Besatzung, danach Abstimmung ob Deutschland oder Frankreich

linksrheinische Gebiete
Aus Sicherheit für die Durchführung des Vertrages wurde das linke Rheinufer mit Brückenköpfen besetzt (Köln, Mainz, Koblenz, Kehl). Diese sollten nach 5, 10 und 15 Jahren geräumt werden.

deutsche Kolonien
(Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Neuguinea, Marshall-Inseln, Kiautscho, Karolinen, Palau und Marianeninseln, Samoa-Inseln) - wurden Mandatsgebiet des Völkerbundes.

Deutschland verlor drei Viertel seiner jährlichen Förderung von Zink- und Eisenerz, über ein Viertel Steinkohle sowie rund ein Sechstel seiner Getreideernte. Die großen deutschen Flüsse wurden internationalisiert. Das Gebiet links des Rheins mit rechtsrheinischen Brückenköpfen bei Köln, Koblenz und Mainz wurde in drei Zonen aufgeteilt, die für 5, 10 oder 15 Jahre unter alliierter Besetzung bleiben sollten. Links des Rheins und in einem 50 km breiten Streifen rechts des Rheins durfte Deutschland keine Befestigungen und Heereskräfte unterhalten.

Das Landheer wurde bei Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und des Generalstabs auf 100 000 Mann mit zwölfjähriger Dienstzeit (für Offiziere 25 Jahre) begrenzt. Schwere Artillerie, Panzer und Luftwaffe wurden verboten. Die Marine (Höchstbestand 15 000 Mann) wurde auf sechs Linienschiffe, sechs kleine Kreuzer, 12 Zerstörer und 12 Torpedoboote beschränkt. Die Entmilitarisierungs- und Entwaffnungsbestimmungen sollten das Deutsche Reich schwächen, ihm aber nach Osten eine Grenzsicherung ermöglichen und für den Einsatz gegen revolutionäre Erhebungen im Innern genügend Kräfte belassen.

Erhebliche Sachlieferungen, die Auslieferung fast der gesamten Handelsflotte, die Liquidierung des deutschen Eigentums im Ausland, die Gewährung der Meistbegünstigung an die Alliierten bis zum 10. 1. 1925, die Internationalisierung des Nord-Ostsee-Kanals und andere wirtschaftliche Bestimmungen sollten das Wiedererstarken der deutschen Wirtschaftsmacht verhindern. Artikel 231 belastete Deutschland und seine Verbündeten mit der alleinigen Kriegsschuld. Er diente vor allem zur Begründung der Reparationen, deren Höhe erst 1921 im Londoner Ultimatum festgelegt wurde. Artikel 231 belastete das Verhältnis Deutschland zu den Siegermächten schwer; er war der umstrittenste Teil des Vertrages. Unausgeführt blieben die Strafbestimmungen (Artikel 227-230): Anklage gegen Kaiser Wilhelm II. sowie gegen deutsche "Kriegsverbrecher".

Der Versailler Vertrag wurde von den USA nicht ratifiziert. Doch übernahm der deutsch-amerikanische Friedensschluss im Berliner Vertrag vom 25. 8. 1921 u. a. die Bestimmungen über Reparationen, Kolonien, Entwaffnung und Rheinlandbesetzung.

Die Revision des Versailler Vertrags wurde das zentrale außenpolitische Ziel der Regierungen der Weimarer Republik. Sie konzentrierten sich zunächst auf eine vorzeitige Räumung des Rheinlandes und die Lösung der Reparationsfrage. Beides konnte schließlich bis 1930 und 1932 erreicht werden.

In seinem friedensstiftenden Wert bleibt der Versailler Vertrag umstritten. Bei vielen Deutschen verband sich die Ablehnung des "Diktats von Versailles" mit dem Unvermögen, die Wirklichkeit der schweren Niederlage anzuerkennen (Dolchstoßlegende). Dies bot später den Nationalsozialisten die Möglichkeit, propagandistisch gegen das "System von Versailles" zu Felde zu ziehen und diese Parole im Kampf gegen den demokratischen Verfassungsstaat einzusetzen. Formell gebrochen wurde der Versailler Vertrag besonders durch die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht 1935 und den Einmarsch deutscher Truppen in das entmilitarisierte Rheinland 1936.

weiterführende Informationen : Vertrag von Versailles vom 28. Juni 1919